Lexikon: Nibelungenlied

 

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Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos. Es entstand im 13. Jahrhundert und wurde in der damaligen Volkssprache mittelhochdeutsch|Mittelhochdeutsch aufgeschrieben. Der Titel, unter dem es seit seiner Wiederentdeckung Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt ist, leitet sich von der Schlusszeile in einer der beiden Haupttextfassungen ab hie hât daz mære ein ende: daz ist der Nibelunge liet ("hier ist die Geschichte zu Ende: das ist das 'Lied von den Nibelungen'"). Allerdings muss man beachten, dass "liet" im Mittelhochdeutsch nicht als "Lied" in unserem Sinne zu verstehen ist, sondern "Strophen" oder "Epos" bedeuten kann.

Das Nibelungenlied ist die hochmittelalterliche deutsche Ausformung der Nibelungensage, deren Ursprünge bis in das heroisches Zeitalter|heroische Zeitalter der germanischen Völkerwanderungen zurückreichen. Ein historischer Kern der Sage ist die Zerschlagung des Burgunder (Volk)|Burgundenreiches im Raum von Worms in der Spätantike (um 436) durch den Römisches Reich|römischen Magister militum|Heermeister Aetius mit Hilfe Hunnen|hunnischer Hilfstruppen.

Verfasser und Entstehung

Der Verfasser des Nibelungenliedes wird im Text nicht genannt. Dies entspricht der Gattungskonvention der Heldenepik, die nicht die literarische Eigenleistung eines Dichters akzentuiert, sondern die Verwurzelung des Erzählstoffes in der mündlichen Überlieferung (altiu maere, "Sagen") hervorhebt. Genaugenommen ist bis heute nicht geklärt, ob es eine einzige 'Originalfassung' (und damit einen einzigen 'Autor') jemals gegeben hat, oder ob es sich eher um einen Redaktor oder gar nur um einen oder mehrere begnadete Rezitatoren von älteren, mündlich überlieferten Stoffen handelt.

Die Entstehung des Texts lässt sich durch in ihm vorausgesetzte politische Strukturen und durch Bezüge zur zeitgenössischen Dichtung auf die Jahre 1180 bis 1210 (und damit auf die 'Blütezeit' der Höfische Dichtung|mittelhochdeutschen Literatur) eingrenzen.

Genauere Ortskenntnis des Verfassers, ein Übergewicht der frühen Überlieferung im südostdeutsch-österreichischen Raum und die augenfällige Hervorhebung des Bischofs von Passau als handelnder Figur machen das Gebiet zwischen Passau und Wien als Entstehungsort wahrscheinlich, insbesondere den Hof des als Mäzen bekannten Bischofs von Passau, Wolfger von Erla (Bischof in Passau 1191-1204). Wolfger ist für die Datierung mittelhochdeutscher Literatur von großer Bedeutung, weil sich in seinen Akten mit dem Datum 12. November 1203 eine Anweisung befindet, dem Spruchdichter Walther von der Vogelweide Geld für einen Pelzmantel auszuzahlen. Diese Notiz stellt den einzigen außerliterarischen Nachweis für die Existenz dieses Dichters dar und ist damit ein wichtiges Indiz zur zeitlichen Einordnung der mittelhochdeutschen Dichtung, die größtenteils ohne Jahres- und Verfasserangaben überliefert ist. Meist geht man heute davon aus, dass der Dichter des Nibelungenliedes ein sowohl geistlich wie literarisch gebildeter Mann im Umkreis des Passauer Bischofshofs und dass sein Publikum ebenfalls dort unter den Klerikern und adligen Laien zu suchen war.

In einer Art Anhang zum Nibelungenlied, der Nibelungenklage, wird auch von der Entstehung der Dichtung erzählt. Ein "Meister Konrad" wird genannt, den ein Bischof "Pilgrim" von Passau mit der Niederschrift beauftragt habe. Man nimmt an, dass dies einen ehrenden Verweis auf einen Amtsvorgänger des mutmaßlichen Förderers Wolfger darstellt, den heiligen Bischof Pilgrim von Passau (971-991).

Suche nach einem Verfasser

Die germanistische Erforschung des Nibelungenlieds ist seit jeher verbunden mit einer geradezu verzweifelten Suche nach einem Verfassernamen. In den letzten Jahrzehnten hat die seriöse Fachwissenschaft diese Suche eingestellt. Besonders seit Michel Foucaults Untersuchungen über die unwillkürliche Fixierung auf den Autor ist deutlich geworden, daß textuelle Anonymität nur für uns Leser der Neuzeit eine unerträgliche Erscheinung ist. Der mittelalterlichen Literatur, zumal der noch weitgehend mündlich verbreiteten Heldenepik, ist dieser Zwang zur Zuschreibung unangemessen. Heute ist es Aufgabe der Mediävistik, die Andersartigkeit mittelalterlicher Dichtung und ihrer (beispielsweise autorlosen) Existenzformen zu beschreiben und zu zeigen, wo der unreflektierte moderne Blick diese Texte verzeichnet.

Vor allem populärwissenschaftliche und heimatgeschichtliche Forschungen haben im Laufe der Zeit das Nibelungenlied an nahezu jeden zwischen 1180 und 1230 im baierisch-österreichischen Raum bezeugten Literaten anknüpfen wollen. Auch heute werden regelmäßig Namen aufs Tapet gebracht. Ausnahmslos handelt es sich dabei um methodisch fragwürdige Außenseiterthesen, die sich der Diskussion in anerkannten Fachzeitschriften nicht stellen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Konrad von Fußesbrunnen (Feuersbrunn, Niederösterreich), urkundlich um 1182 bezeugt. Er ist Autor des in 3000 Reimpaarversen verfassten Werkes "Die Kindheit Jesu" und wirkte in Passau. Diese These vertritt Walter Hansen in "Die Spur des Sängers" (1987, ISBN 3785704550).
  • Bligger von Steinach
  • eine unbekannte Niedernburger Nonne (Berta Lösel-Wieland-Engelmann).
  • Walther von der Vogelweide

Form und Sprache

Das Nibelungenlied ist in sangbaren vierzeiligen Strophen gedichtet (heute als Nibelungenstrophe bezeichnet), deren Melodie sich jedoch nicht sicher rekonstruieren lässt. Diese Metrum|metrische Form ist ein Charakteristikum der Heldenepik (vgl. das Kudrun-Epos eines unbekannten Dichters und die Dietrichepik). Gesungene Strophenepik unterscheidet sich aufs deutlichste von der zeitgleichen 'höfischen' Erzählliteratur, v.a. dem Antiken- und Artusroman, die fast ohne Ausnahme in (gesprochenen) Reimpaarversen gehalten ist. In dieser Hinsicht war das Nibelungenlied "archaischer" als die "moderne" Ritterliteratur eines Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach.

Die ca. 2400 Strophen des Nibelungenlieds sind in 39 Aventiure|âventiuren (sprich : Aventüren) untergliedert, kapitelartige Erzähleinheiten von variabler Länge, die in den meisten Handschriften Überschriften tragen.

An der Sprache und Erzählhaltung des Nibelungenliedes läßt sich ein zweifaches Dilemma ablesen: Nicht nur die Kluft zwischen mündlicher Improvisationstradition und Literarisierung (Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit) wollte überbrückt sein; daneben war auch die Kunde mythisch-heroischer germanischer Vorzeit in ein christlich-hochadelig-höfisches Umfeld zu adaptieren. Der Kern der Nibelungensage muss 700 Jahre lang durch Epensänger rein mündlich tradiert worden sein. Dabei entstanden unzählige Varianten der Geschichte; verschiedene Sagenkreise wurden aneinandergeknüpft, Figuren wechselten ihre Rolle usw. Kein Wille eines Autors konnte den Stoff bewusst formen oder fixieren. Im deutschsprachigen Raum hatte man vor 1200 noch nie eine Umsetzung dieser Sage in eine buchliterarische Form versucht. So weist das Nibelungenlied - als Erstling einer neuen literarischen Tradition - sowohl (inhaltliche) Spuren seiner autorlosen Vorgeschichte wie (sprachliche) Spuren der Dichtersprache der mündlichen Erzählkunst auf; aber zugleich zeigt es Züge des 'großen' antik-historischen Buchepos, an denen sich der Verschriftlichungsprozeß sicherlich orientierte.

Die bekannte Eingangsstrophe, ein wohl erst später eingefügter einleitender Zusatz:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Viele berühmte Szenen der Sage, wie der Drachenkampf Jung-Siegfrieds etwa, tauchen im Lied selber nur in Form von Erwähnungen auf; die ganze Vorgeschichte wird als bekannt vorausgesetzt. Das Lied ist stilistisch von den Ansprüchen des mündlichen Vortrags geprägt, denn Alltagssprache und Hochsprache mischen sich ebenso, wie bereits damals schon historisches Vokabular und zeitgenössische Begriffe des frühen dreizehnten Jahrhunderts. Kunstvollen literarischen Ton und komplizierte Konstruktionen sucht man vergebens. Viel eher finden wir lange Aufzählungen, wiederkehrende Formulierungen und einfache, fast distanzierte Schilderungen durch den Erzähler, der sich selbst nur an wenigen Stellen des Werks erwähnt.

Die Handlung

Das Nibelungenlied besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil steht Siegfried der Drachentöter|Siegfrieds Tod, im zweiten die Rache seiner Gattin Kriemhild im Mittelpunkt. Das räumliche Umfeld ist das Burgunder (Volk)|Burgundenreich am Rhein, sowie (im zweiten Teil) Südostdeutschland und das Donaugebiet des heutigen Österreichs und Ungarns.

Am Königshof in Worms lebt Kriemhild zusammen mit ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher. Siegfried, ein Königssohn aus Xanten, erscheint bei Hof und fordert Gunther heraus.

Die literarische Version des 12. Jahrhunderts thematisiert anhand der Personen unterschiedliche Konzepte feudaler Gesellschaft: Siegfried verkörpert den klassischen Adligen, dessen Herrschaft auf Gewalt beruht. König Gunther repräsentiert einen Herrscher, dessen Macht sich auf Ministeriale stützt und der den Kampf um Herrschaft delegiert. Der zentrale Konflikt ist der zwischen Vasallität, die Unterordnung und Gehorsam verlangt, und einer modernisierten Feudalherrschaft, die nicht mehr oder nur zum Teil auf dem Lehnswesen fußt.

Der erste Teil stellt in der Hauptrolle Siegfried von Xanten vor, einen anscheinend unbezwingbaren Helden, ausgestattet dazu mit allerlei wunderbaren Hilfsmitteln: einer unsichtbar machenden Tarnkappe, seinem mächtigen Schwert Balmung und seinem legendären Nibelungenschatz des Zwerg (Mythologie)|Zwergenkönigs Alberich, dem sogenannten Hort. Er badet im Blut des Drache |Drachen, der zuvor den Hort bewachte, um unverwundbar zu werden. Eine Stelle seines Rückens bleibt jedoch verwundbar, da ein Linden (Botanik)|Lindenblatt diese beim Bad bedeckt.

Die Stellung Siegfrieds gegenüber den Wormser Königen ist unklar: Eine Fraktion am Wormser Hof, für die Hagen von Tronje|Hagen steht, besteht darauf, dass Siegfried deren "Vasall" sei, sich also unterzuordnen habe. Siegfried heiratet Kriemhild und leistet im Gegenzug klassische Lehnswesen#Rechtsbeziehung_zwischen_Lehnsherren_und_Vasallen|Lehnsdienste, indem er für König Gunther erfolgreich in den Krieg zieht.

Außerdem muss Siegfried seinen 'vriunde' (Schwager, das mittelhochdeutsche Wort 'vriunt' ist nicht gleichbedeutend mit dem heutigen 'Freund') Gunther bei der Brautfahrt nach Isenland (möglicherweise Island, Dänemark oder eines der skandinavischen Länder) begleiten, um die Königin Brunhild (Sage)|Brunhild zu erobern. Brunhild verlangt von den Werbern, sie im Kampf besiegen zu können. Das gelingt Gunther nur mit Hilfe Siegfrieds. Siegfried hilft ihm unter einer Tarnkappe versteckt, er gibt sich auch noch, mit dem Wissen der Begleiter (Gunther, Hagen und Dankwart), als ein Lehnsmann Gunthers aus. Um diese Täuschung zu vervollkommnen, leistet Siegfried für Gunther den Stratordienst, er führt Gunthers Pferd vor aller Augen wie ein Knecht am Zügel.

In der Hochzeitsnacht (in Worms) fesselt Brunhild Gunther an einen Haken an der Wand. Erst Siegfried bezwingt Brunhild in der zweiten Nacht - wieder mit Hilfe der Tarnkappe. Dabei entwendet er ihren Ring und ihren Gürtel, die klassischen Zeichen für eine erfolgreiche Defloration, obwohl ausdrücklich betont wird, dass Gunther seine Frau selber entjungfert hat. Dabei bewegt Brunhild immer wieder die Frage nach einer eventuellen Vasallität Siegfrieds. Seine Vermählung mit ihrer Schwägerin Kriemhild erscheint ihr als eine Mesalliance (franz. Missheirat).

Lange Jahre später – wobei zu berücksichtigen ist, dass Zeitangaben in mittelhochdeutschen Epen nur als Anhaltspunkte zu verstehen sind – lädt Gunther auf Bitten seiner Frau Siegfried und Kriemhild nach Worms ein. Dabei geraten die Frauen über die Frage nach dem Rang ihrer Männer in Streit: Brunhild erklärt, dass sie mit eigenen Augen beobachtet habe, dass Siegfried Gunther als Vasall und "Knecht" gedient habe. Kriemhild hingegen kann Ring und Gürtel von Brunhild vorweisen (die ihr Siegfried geschenkt hatte) und nennt sie die Kebse (Mätresse) ihres Mannes. Der Streit (Senna) endet in einem harten Wortwechsel.

Hagen von Tronje interpretiert die Situation wie ein treuer Vasall: Siegfried weigert sich, sich dem König Gunther unterzuordnen. Hagen muss Siegfried daher töten, weil der eine ständige Bedrohung für die Herrschaft des Königs ist. Da für die Könige Gunther, Giselher und Gernot ein hierarchisches Verhältnis zwischen ihnen und Siegfried nicht besteht, können sie auf eine direkte Auseinandersetzung mit dem scheinbar rebellischen "Lehnsmann" Siegfried verzichten. Sie erfahren von Hagens Plan nichts. Der heimtückische Mord findet im Odenwald statt. Hagen, der durch Kriemhild von Siegfrieds einziger verwundbarer Stelle erfahren hat, tötet den Helden mit dessen eigener Lanze: Er hatte s verwundbare Stelle von Kriemhild auf der Kleidung markieren lassen unter dem Vorwand, gerade diese Stelle besonders beschützen zu wollen.

Anschließend beraubt er Kriemhild noch des Nibelungenschatzes.

Kriemhild versinkt in unstillbarem Leid; sie schwört bitterste Rache, doch erst das Heiratsangebot des Hunnenkönigs Etzel verschafft ihr die notwendige Macht, ihre Vergeltungspläne in die Tat umzusetzen. Kriemhild zieht mit großem Gefolge ins Land der Hunnen und wird dort zu einer mächtigen Monarchin.

Nach langen Jahren lädt sie ihre Brüder und Hagen, dem sie den Mord an Siegfried und den Raub des Nibelungenschatzes niemals verziehen hat, ins Land der Hunnen (Ungarn) zu einem Hoffest ein. Während der Reise an Etzels Hof wird Hagen von Meerjungfrauen gewarnt, allen stehe der Untergang bevor. Die Burgunden weigern sich, am Hof Etzels die Waffen abzulegen: im Feudalismus eine offene Kampfansage und schwere Beleidigung des Gastgebers.

Als Hagen ein Kind, den gemeinsamen Sohn von Kriemhild und Etzel, tötet, kommt es zum Blutbad. Im Laufe der Kämpfe gehen die Helden beider Seiten zugrunde; auch Kriemhild wird erschlagen. Allein Dietrich von Bern, sein Waffenmeister Hildebrand und Etzel überleben das Schlachten. Am Ende steht der Erzähler trauernd vor der Bilanz unsagbaren Elends.

Bild: Siegfried.jpg

Interpretation

Die literarische Vorlage lässt keine psychologische Interpretation der Personen zu. Alle Personen werden mit identischen Attributen beschrieben, die einen feudalen Adligen auszeichnen: Ehre, Treue, Gewaltbereitschaft, Reichtum. Alle handeln folgerichtig.

Das Nibelungenlied steht für einen gesellschaftlichen Umbruch: Die Macht des klassischen Feudaladels wird im 12. Jahrhundert brüchig. Die Könige partizipieren von den aufblühenden Städten, der Kleinadel geht zugrunde. Im Gegensatz zur klassischen Artusepik wie etwa bei Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach interpretiert der Autor des Nibelungenliedes den Konflikt zwischen Lehnswesen und Herrschaft der Ministerialen pessimistisch: Er wird nicht gelöst und endet daher in einer Katastrophe.

1966 hat Joachim Fernau in seinem Bestseller "Disteln für Hagen" die These aufgestellt, dass das Nibelungenlied für den Wandel vom Vorrang der Familienbande (in den nordischen Sagas tötet Atli die Burgunden, und Gudrun-Kriemhilt rächt ihren Tod an ihm) zum Vorrang der Gattenliebe (Kriemhilt tötet ihre Brüder, weil sie ihren Mann umgebracht haben) stehe, was "typisch deutsch" sei. Diese These hält jedoch einer kritischen Textanalyse schwerlich stand; diese ergibt vielmehr, dass Kriemhilt den Verlust des Nibelungenschatzes weit mehr bedauert als den Tod Siegfrieds und ihre Brüder letztlich nur deshalb töten lässt, weil sie nicht bereit sind, ihn wieder herauszugeben.

Überlieferung

Es existieren derzeit ca. 36 deutsche Handschriften, eine niederländische Umarbeitung und zwei Handschriften, die nur die "Klage" enthalten. Die Handschriften wurden vorwiegend in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gefunden. Die drei Haupthandschriften sind von Karl Lachmann mit Buchstaben (Siglen) folgendermaßen kategorisiert worden:

  • A = Hohenems-Münchener Handschrift (letztes Viertel 13. Jh.), in der Bayerische Staatsbibliothek|Bayerischen Staatsbibliothek
  • B = St. Galler Handschrift (13. Jh.), in der Stiftsbibliothek St. Gallen
  • C = Hohenems-Laßbergische / Donaueschinger Handschrift (1. Hälfte 13. Jh.), seit 2001 in der Badische Landesbibliothek|Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe

Diesen drei Schriften wird eine nicht mehr erhaltene Urschrift als Quelle unterstellt. Neben drei Hauptüberlieferungssträngen (A, B und C) muss man auch von einer breiten mündlichen Tradition ausgehen. Alle Pergamenthandschriften sind mit großen Buchstaben bezeichnet, Papierhandschriften immer mit kleinen Buchstaben.

Weiterhin unterscheidet man die Handschriften bzw. ihre Textfassungen nach dem letzten Vers des Textes. So enden Handschrift A und B mit dem Text: "daz ist der Nibelunge not" (das ist der Untergang der Nibelungen). Diese Texte werden darum als Not-Fassung bezeichnet. Handschrift C allerdings endet auf "daz ist der Nibelunge liet" (das ist das Lied/Epos von den Nibelungen). Dieser Text wird darum "Lied-Fassung" genannt.

Nibelungenkenntnis im deutschen Mittelalter

Der nibelungische Stoff war im deutschen Sprachraum das ganze Mittelalter hindurch sehr bekannt und verbreitet. Dichter und Geschichtsschreiber erwähnen gelegentlich Figuren oder Konstellationen der Sage; dabei kann man jedoch kaum je entscheiden, ob die Kenntnis auf das Nibelungenlied (oder eine seiner Vorstufen) selbst zurückgeht oder ob es nicht auch ganz andersartige Fassungen (Teilversionen) dieses Stoffes gegeben hat.

So erzählt im 10. Jahrhundert ein sanktgallischer Mönch in dem lateinischen Schulepos Waltharius Hagens und Gunthers Vorgeschichte, die im Nibelungenlied in der 28. Aventiure in der Strophe 1756 und in der Aventiure 39. in der Strophe 2344 anklingt. Auch dem lateinischen Ruodlieb des 11. Jahrhunderts hat man nachgesagt, daß er von Siegfrieds Biographie angeregt gewesen sein könnte. Um 1165-1175 erwähnt der Kleriker Metellus von Tegernsee (Ode 30) ein bei den Teutones berühmtes Lied von Graf Roger (Rüdiger) und Dietrich (? prüfen). Etwa zur selben Zeit muss sich der Bischof Gunther von Bamberg von seinem Domscholaster Meinhart dafür rügen lassen, daß er sich immer nur mit den Amelungen (Dietrich von Bern) beschäftigt - damit ist die Heldenepik als Ganze angesprochen.

Der Spruchdichter Herger (2. Hälfte des 12. Jahrhunderts) vergleicht Wernhart von Steinsberg mit dem guoten Rüdiger. Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus berichtet um 1200 von einem Lied cuiusdam parricidii (von einem gewissen Verrat), mit dem ein sächsischer Sänger den 1131 ermordeten schleswigschen Herzog Knut habe warnen wollen. Saxo selbst denkt dabei an notissimam Grimilde erga fratres perfidiam (die berühmte Treulosigkeit Kriemhilds gegenüber ihren Brüdern). Auch die Versenkung des Nibelungenhorts im Rhein war sprichwörtlich. Der Minnesänger Otto von Botenlauben spielt in einem seiner Lieder darauf an (ze loche in dem rine). Literarisch bedeutsame Querbeziehungen hat das Nibelungenlied insbesondere mit dem vermutlich nahezu gleichzeitig entstandenen Parzival-Roman Wolfram von Eschenbach|Wolframs von Eschenbach.

Mitte des 13. Jahrhunderts erwähnt der gelehrte Wanderdichter Marner Kriemhilds Verrat an ihren Brüdern, Siegfrieds Tod und den Nibelungenhort als Publikumsrenner, die er jedoch selbst nicht im Programm habe. Hugo von Trimberg spricht in seiner höfischen Lehrschrift Renner in einer ähnlichen Aufzählung von gern gehörten Erzählstoffen von Kriemhilds "mort", von Siegfrieds Drachen und vom Nibelungenhort (V. 16183ff.).

Der Nibelungenstoff im Spätmittelalter

Aus dem 15. Jahrhundert stammen Fassungen des Nibelungenlieds, die es im Grunde zu neuen Texten umarbeiten. Generell besteht in der handschriftlichen Überlieferung die Tendenz zur Integration des Stoffes in das Leben des Dietrich von Bern. In diesen Fassungen werden beispielsweise der erste Teil stark reduziert (z. B. n) oder neue motivliche Anbindungen gesucht (z. B. Heldenbuch-Prosa um 1480: Burgundenuntergang als Kriemhilds Rache an Dietrich für den Mord an Siegfried im Rosengarten zu Worms).

Im 16. und 17. Jahrhundert wird das strophische Lied vom Hürnen Seyfried (Vom verhornten Siegfried) gedruckt, das in Details wohl auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und manche Züge aufweist, die sonst nur die nordische Überlieferung kennt. Der Vater Kriemhilds heißt hier Gybich (nord. Gjuki); Günther, Hagen und Gyrnot sind Brüder.

1557 dramatisiert Hans Sachs in seiner "Tragedj mit 17 personen: Der Huernen Sewfrid" das Lied. Im 17. bis 19. Jahrhundert blieb der Stoff populär, wie an den mehrfachen Auflagen des Volksbuchs mit dem Titel Eine Wunderschöne Historie von dem gehörnten Siegfried abzulesen ist. Der älteste bekannte (jedoch nicht erhaltene) Druck dieser Prosa-Umarbeitung erschien 1657 in Hamburg. Dem Zeitgeschmack entsprechend heißt Kriemhild hier Florimunda (Florigunda?).

Forschungs- und Rezeptionsgeschichte

Am 22. Februar 1784 schrieb Friedrich II. (Preußen)|Friedrich der Große an den ersten Herausgeber des mittelhochdeutschen Epos, Christian Heinrich Müller, der das Werk dem König gewidmet hatte, folgendes:

Hochgelahrter, lieber Getreuer!
Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht,
Euer sonst gnädiger König Frch.

Heinrich Heine (1797-1856) schrieb über den Ton des Nibelungenlieds: "Es ist eine Sprache von Stein, und die Verse sind gleichsam gereimte Quadern. Hie und da, aus den Spalten, quellen rote Blumen hervor wie Blutstropfen oder zieht sich der lange Epheu herunter wie grüne Tränen."

Das Nibelungenlied wurde im 18. Jahrhundert von Bodmer und Breitinger wieder in den Blickpunkt der literarischen Öffentlichkeit gerückt. Bild: Friedrich Hebbel-Nibelungen.jpg Im 19. Jahrhundert erlangte es den Rang eines deutschen Nationalepos; es existieren viele z. T. illustrierte Ausgaben (z. B. von Alfred Rethel, 1840, und von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1843) und mehrere Bearbeitungen für das Theater (Richard Wagner|Wagner, Der Ring des Nibelungen, 1840-1876, der nur sehr frei an das Epos anknüpfend ist; Friedrich Hebbel, Die Nibelungen, 1860/61). Selbst in J. R. R. Tolkiens Werken (Herr der Ringe) lassen sich etliche Elemente der Nibelungensaga wiederfinden. Im Nationalsozialismus feierte man die Wiederkehr der germanischen Größe und des Heldentums, der germanischen Gefolgstreue und des männlichen Rittertums und unterlegte die Idee des deutschen Volkstums mit diesen "germanischen Tugenden".Man berief sich auf die schöpferischen Kräfte der Germanen, denen das Dritte Reich wieder Lebensmöglichkeiten gebe.Das Nibelungenlied wurde so als Vehikel nationaler Ideen instrumentalisiert und missbraucht.

Literatur

  • Ursula Schulze: Das Nibelungenlied, Stuttgart: Reclam 1997 (336 S. mit 27 S. Bibliographie), ISBN 3150176042
  • Otfrid Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung, 2. Aufl. München 2002, ISBN 340648719X
  • Werner Hoffmann: Das Nibelungenlied, 6. Aufl. Stuttgart, Weimar 1992 (= Sammlung Metzler 7), ISBN 3476160076
  • Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang: Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998 ISBN 3-484-10773-1

Ausgaben

  • Nach der Ausgabe von Karl Bartsch hrsg. von Helmut de Boor: Das Nibelungenlied, 22. revidierte und von Roswitha Wisniewski ergänzte Aufl. Wiesbaden 1988 (Deutsche Klassiker des Mittelalters), ISBN 3765303739 (Mittelhochdeutscher Text mit reichhaltigem Anmerkungsapparat)
  • Das Nibelungenlied. Mhd./Nhd, Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 1997 (= Reclam Universal-Bibliothek 644), ISBN 3150006449

Forschungsgeschichtlich wichtige Ausgaben (Reprints)

Weblinks

Siehe auch

  • Nibelungenfestspiele in Worms
  • Nibelungenstadt|Nibelungenstädte

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Mittelalter (Literatur) Kategorie:Literatur (Mittelhochdeutsch) Kategorie:Heldenepik Kategorie:Epos Kategorie:germanische Mythologie

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