Lexikon: Ratten

 

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Ratten

Bild: Wanderratte.jpg
Wanderratte (Rattus norvegicus)

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:
: (Rodentia)
: Mäuseverwandte (Myomorpha)
: Langschwanzmäuse (Muridae)
Unterfamilie: Echte Mäuse (Murinae)
: Ratten (Rattus)
Art (Biologie)|Arten (Auswahl)
  • Hausratte (Rattus rattus)
  • Wanderratte (Rattus norvegicus)
  • Farbratte (Rattus norvegicus, forma domestica)
  • Pazifische Ratte (Rattus exulans)

Die echten Ratten (Rattus) bilden eine Gattung (Biologie)|Gattung in der Familie (Biologie)|Unterfamilie der Echte Mäuse|echten Mäuse (Murinae) innerhalb der Familie (Biologie)|Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) und gehören somit zu den n (Rodentia).

Ratten in Deutschland

Von den weltweit 55 Arten der Gattung "Rattus" haben sich folgende dem Menschen weitgehend angeschlossen und leben zeitweilig oder dauernd als Kommensalen (= "Mitesser") in seiner Nähe:

Die Wanderratte (R. norvegicus), Hausratte (R. rattus rattus), Alexandriner Hausratte (R. rattus alexandrinus), Fruchtratte (R. rattus frugivorus), Kleine Pazifikratte (R. exulans), die kletter-untaugliche Reisfeldratte (R. argentiventer), Himalajaratte (R. nitidus), Turkestanratte (R. rattoides), Malaiische Hausratte (R. rattus diardii) und die Sawahratte (R. rattus brevicaudatus).

Von all diesen sind in Deutschland nur zwei anzutreffen: die Wanderratte (R. norvegicus) und wesentlich seltener die Hausratte (R. rattus).

Ähnlich wie Hausmaus|Hausmäuse als Farbmaus|Farbmäuse halten auch Wanderratten als Farbratten (R. norvegicus domesticus) als Einzug.

Merkmale

Die schwarze Hausratte ist mit einer Kopf-Rumpflänge von 16 bis 23 cm deutlich kleiner als die graubraune (agouti) Wanderratte mit 18-26 cm. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist das Verhältnis von Kopfrumpf- zu Schwanzlänge. Der Schwanz der Hausratten ist stets länger als der Körper, bei Wanderratten ist er meist kürzer, selten genauso lang wie der Rumpf. Auch die Ohrlänge unterscheidet sich arttypisch. So erreicht das Ohr, in Richtung Nase an den Kopf gedrückt, bei Wanderratten maximal den hinteren Augenrand. Die Ohren der Hausratten dagegen bedecken in dieser Weise ein Drittel bis zur Hälfte des Auges. Ratten leben in Gruppen zusammen. Ein seltenes Phänomen, welches bei der Hausratte gefunden werden konnte, ist der aus vielen Einzeltieren zusammengewachsene Rattenkönig. Ratten haben eine spitze Schnauze und eine gespaltene Oberlippe. Zwischen den Schneidezähnen und den Backenzähnen befindet sich eine große Lücke. Die Eckzähne fehlen. Am Auge befindet sich außer dem oberen und unteren Augenlid eine Nickhaut. Die Füße und der lange, mit Schuppenringen versehende Schwanz sind nur spärlich. An den Hinterfüßen besitzen sie fünf Zehen, an den Vorderfüßen vier Zehen, da der Daumen nicht vollständig ausgebildet, d.h. rudimentär vorhanden, ist.

Sinnesorgane der Ratte

Die Augen der Ratte sitzen weit seitlich am Schädel, so dass Ratten ein großes Blickfeld haben. Ein räumliches Sehvermögen haben Ratten allerdings nicht. Gut ausgeprägt ist der Geruchssinn. Eine wichtige Rolle spielt der Geruchssinn nicht nur bei der Suche nach Futter und bei der Unterscheidung von verschiedenen Nahrungsstoffen. Der Geruchssinn dient auch dazu, Mitglieder des eigenen Rudels zu erkennen. Durch den Geruch kann erkannt werden, ob eine weibliche Ratte brünstig ist. Auch können entspannte von gestressten Tieren unterschieden werden. Auch das Gehör von Ratten ist sehr gut. Ratten hören wie andere Kleinnager bis in den Ultraschallbereich hinein. Das im Innenohr befindliche Gleichgewichtsorgan ist komplex gebaut und sehr leistungsfähig. Auch der Geschmackssinn der Ratte ist gut ausgeprägt. Die Tasthaare am Kopf (um die Schnauze und über den Augen) ermöglicht einer Ratte eine gute Orientierung.

Fortpflanzung

Ratten sind sehr fruchtbare Tiere. Bereits im Alter von drei bis vier Wochen tritt bei ihnen die Geschlechtsreife ein. Im Jahr hochgerechnet kommt ein freilebendes Rattenweibchen auf sechs bis acht Würfe, wobei vier Würfe die Normalität widerspiegeln. Die Jungen (pro Wurf etwa fünf bis achtzehn) kommen meist in den Monaten März und April zur Welt, sowie im Spätsommer (September). Doch nur etwa 5 % überleben das erste Jahr. Bei Nahrungsknappheit oder Überpopulation kann das Weibchen Sperma speichern oder bei Schwangerschaft die Föten zurückbilden. Bei einem domestiziertem Rattenweibchen können die Würfe bis zu zwanzig Jungen enthalten, da sie nicht durch Nahrungsmangel, Feinde oder eingeschleppte Krankheiten bedroht sind.

Begattung

Die Paarungsbereitschaft geht vom Weibchen aus. Sie produziert Sexualhormone, die das Männchen riecht. Die Brunst dauert bei dem Weibchen etwa sechs Stunden und sie kann innerhalb eines Rattenrudels zwischen 200 und 500mal gedeckt werden, wobei eine Deckung nur wenige Sekunden beträgt. Dabei legt das Weibchen den Schwanz zur Seite und erleichtert somit das Eindringen des Männchens. Die Rättin lässt sich von so vielen Böckchen wie möglich decken und speichert den Samen zwischen. Nach der Begattung hat nur der stärkste Samen die Chance durchzukommen und das Ei zu befruchten.

Tragzeit

Sie beträgt im Durchschnitt 22 (20-24) Tage. Während dieser Zeit hat das Weibchen einen erhöhten Flüssigkeitsbedarf und benötigt die doppelte Nahrungsaufnahme.

Geburt

Meist erfolgt die Geburt in den frühen Morgenstunden. Bei domestizierten Weibchen kann es aufgrund der Überzüchtung dazu kommen, dass sie es versäumen ein Nest zu bauen.

Ernährung

Ratten sind wahre Spezialisten auf dem Gebiet des Überlebens und der Anpassung. Die Reisratte und die Bambusratte haben ihre Namen erhalten, weil sie sich fast ausschließlich von Reis beziehungsweise von Bambus ernähren. Die Ratten zählen aber nicht zu den echten Allesfressern. In Notzeiten können sie sich zwar von den abenteuerlichsten Dingen wie beispielsweise Seife, Leder, Papier, Textilien und Holz ernähren und verschmähen dann natürlich auch tierische Kost wie z.B. Würmer, Insekten und kleine Vögel nicht, aber wenn sie die Wahl haben, ziehen sie vegetarische Lebensmittel vor. Die etwa 10 % ihrer tierischen Nahrung dienen als Zukost. In Städten finden sie vor allem in der Umgebung des Menschen (Vorratshaltung, Abfälle) geeignete Nahrung. Ihren Eiweißbedarf deckt die Ratte vorwiegend durch Körnernahrung und Nüsse.

Ausbreitung der Farbratte

Bild: Knut.jpg Farbratten stammen von den Wanderratten ab und werden schon seit Jahrzehnten als Laborratten für Versuche der Wissenschaft eingesetzt. Die Farbratte, die in den 80er Jahren noch als "Punkerschmuck" verschrien war, hält in den letzten Jahren immer öfter in die "normalen" Haushalte Einzug. Aufgrund ihrer Intelligenz, ihres niedlichen Aussehens und noch vielen weiteren Eigenschaften hat sie sich mittlerweile vollkommen als Haustier etabliert. Da Ratten immer noch in den Köpfen vieler Menschen als große Krankheitsübertrager gelten, ist es recht schwierig das Ansehen der kleinen Nager aufzupolieren. Nach anfänglichem Ekel bessert sich die Situation in den Köpfen aber je länger sie sich mit den Tieren beschäftigen.

Ausbreitung der Hausratte

Die Hausratte ist auch als Schiffsratte bekannt, sie wurde durch den Transport auf Schiffen weltweit verbreitet. Besonders auf kleineren pazifischen Inseln mit einem fragilen verdrängte sie nicht nur die einheimische pazifische Ratte (Rattus exulans), sondern rottete auch zahlreiche einheimische Arten, besonders flugunfähige Vögel aus.

Bild: Ratte.png Als ihre ursprüngliche Heimat gilt Südindien, von hier gelangte sie durch den Bronzezeit|bronzezeitlichen Handel nach Persien und dem Zweistromland. Aus Tell Isan Bahriyat (Iran) liegen Nachweise von Rattus rattus aus der Zeit um 1500 v. Chr. vor. Aus dem Zweistromland gelangte sie nach Ägypten und ins östliche Mittelmeer. Eine zweite Ausbreitungswelle ist vermutlich mit dem Gewürzhandel der römischen Kaiserzeit zu verbinden.

Frühe Berichte über mittelbar durch Ratten ausgelöste Pestepedemien, beispielsweise die durch Thukydides beschriebene Pest in Athen werden als indirekter Beweis für die Anwesenheit von Hausratten genutzt, aber nicht immer sind die Beschreibungen der Symptome eindeutig.

Nach Großbritannien gelangte die Hausratte vielleicht schon mit den Römern, hier wird eine Pest-Epidemie in Londinum/London im 2. Jahrhundert n. Chr. als Beleg angeführt. Die ältesten Knochenfunde stammen jedoch erst aus einem Brunnen des 4. Jahrhundert|4. oder 5. Jahrhunderts aus Skeldergate, York (England)|York. Manche Forscher nehmen an, dass die Ratte im Frühmittelalter wieder ausstarb (schlechtere Lebensbedingungen durch das Ende städtischer Siedlungen und der Klimaverschlechterung im 7. Jahrhundert) und erst mit heimkehrenden Kreuzzug|Kreuzrittern wieder eingeführt wurde.

Ausbreitung der pazifischen Ratte

In Südostasien und Polynesien ist die Pazifische Ratte (Rattus exulans) verbreitet. Wie auch durch Untersuchungen mitochondrischer Desoxyribonukleinsäure|DNA (mtDNA) belegt, erfolgte die Ausbreitung der Ratte nach Ozeanien und durch den Menschen. Wahrscheinlich wurde sie von den frühen Siedlern als Fleischlieferant genutzt. Allerdings gibt es aus Neuseeland Rattenknochen, die um die Zeitenwende datieren, während die ersten sicheren Nachweise menschlicher Besiedlung erst von etwa 1000 n. Chr. stammen.

Auch die Verbreitung der pazifischen Ratte führte zu Schäden in den fragilen Ökosystemen der pazifischen Inseln. Mit dem Beginn der Lapita-Kultur wird die biologische Diversität der meisten Inseln radikal reduziert.

Ratten als Krankheitsüberträger

Freilebende Ratten können als Vektor (Biologie)|Vektoren direkt oder indirekt diverse Krankheitserreger mit den von ihnen ausgelösten Krankheiten übertragen.

Über den Rattenfloh (Xenophylla cheopis) ist die freilebende Haus- und Wanderratte indirekter Überträger der Pest und hat über Jahrhunderte mit ihrer Verbreitung auch immer wieder verheerende Pestepdemien ausgelöst. Zu anderen übertragenen Krankheiten gehört auch die Leptospirose.

Rattenbekämpfung

Da freilebende Ratten Krankheiten übertragen und Vorratsschädlinge sind, werden sie heute konsequent mit Rodentiziden bekämpft. Besonders bewährt haben sich Wirkstoffe, die die Blutgerinnung der Tiere beeinträchtigen wie Cumarine|Cumarinderivate. Fraßköder, die den sofortigen Tod der Tiere herbeiführen, werden in der Regel von weiteren Ratten gemieden.

Der Roman Die Rättin von Günter Grass

Die Rättin ist ein Roman von Günter Grass. Die Dialog|Dialoge zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und einer weiblichen Ratte, die er als Rättin bezeichnet, ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk.

Literatur

  • O. Rackham, Rattus rattus: the introduction of the black rat into Britain.v Antiquity 53, 1979, 112-120.
  • E. Matisoo-Smith et al, Prehistoric mobility in Polynesia: MtDNA variation in Rattus exulans from the Chatham and Kermadec islands. Asian Perspectives 38/2, 1999, 186 ff.
  • Ph. L. Armitage, Unwelcome companions; ancient rats reviewed. Antiquity 68, 1994, 231-240.
  • P. V. Kirch, On the road of the winds (Berkeley 2000).
  • M. Roberts, Origin, dispersal routes and geographic distribution of Rattus exulans, with specific reference to New Zealand. Pacific Science 45, 1991, 123-130.
  • Günter Grass: Werkausgabe Band 11 Die Rättin. Steidl Verlag, Göttingen 1997, 493 Seiten, ISBN 3-88243-492-9.

Weblinks

Kategorie:Nagetiere

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