Lexikon: Gletscher

 

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Bild: Gletscher.jpg in Alaska]]

Ein Gletscher ist eine bis zu mehrere hundert Meter dicke Eismasse, die sich durch das Eigengewicht in langsamem Fluss talwärts bewegt.

Etymologie

Das Wort Gletscher ist entlehnt aus Westalpen-romanische Sprachen|romanisch glatscharju „Gletscher, eigentlich: Eisbehälter“. Dieses wiederum ist abgeleitet aus dem Latein|lateinischen glacies („Eis“).

In den Ostalpen ist vom Oberinntal bis zum Zillertal (Zamsergrund) die Bezeichnung Ferner (vgl. Firn) üblich, östlich des Zillertals (Venedigergruppe, Hohe Tauern) die Bezeichnung Kees. Diese Bezeichnungen sind ca. 6000 Jahre alt und stammen folglich aus einer prä-Indogermanische Sprachfamilie|indogermanischen Sprache.

Gletscherentstehung

Ein Gletscher entsteht durch die Ansammlung von Schnee, der nicht schmilzt, sondern sich immer weiter Akkumulation|ansammelt. Frisch gefallener Neuschnee bildet eine Schicht aus nur leicht verdichteten Schneekristallen und mit gefüllten Hohlräumen. Fällt erneut Schnee, so legt er sich über diese bereits existierende Schicht und drückt die mit Luft gefüllten Hohlräume so zusammen, dass sie kleiner werden. Dieses Eis ist halb durchsichtig blau oder grün gefärbt. Gletschereis hat eine Dichte (Physik)|Dichte von bis zu 0,9 g/cm³, während die Dichte von Pulverschnee nur 0,06 g/cm³ beträgt. Der Luftgehalt von Pulverschnee beträgt also 90%, der von Gletschereis nur noch 2%. Der Luftgehalt von Firn bzw. Firneis, die Zwischenstufen im Entstehungsprozess von Gletschereis, beträgt 60 respektive 30%. Es tritt daher im Verlauf der Gletschereisbildung eine sehr starke Verdichtung auf.

Je nach Entstehungsweise und Entwicklungsstadium unterscheidet man heute im Allgemeinen zwischen sechs Arten von Gletschern:

  • Hanggletscher
  • Talgletscher: Eismassen, die ein deutlich begrenztes Einzugsgebiet besitzen und sich unter dem Einfluss der in einem Tal abwärts bewegen. Obwohl Talgletscher nur etwa 1% der vergletscherten Gebiete der Erde ausmachen, sind sie wegen ihres imposanten Aussehens der bekannteste Gletschertyp (z.B. Aletschgletscher).
  • Plateaugletscher
  • Pultgletscher
  • Kargletscher: Eismassen geringer Größe, die sich in einer Mulde, dem sogenannten Kar, befinden. Kargletscher besitzen keine deutlich ausgebildete Gletscherzunge. Bei Kargletschern handelt es sich um Überreste von Talgletschern, die ihre Zunge verloren haben.
  • Blockeisgletscher

Nährgebiete und Zehrgebiete

Pasterze_mit_Großglockner.jpg|270px|right|thumb|[[Pasterze mit Großglockner]] Auf einem Gletscher gibt es immer ein Nährgebiet und ein Zehrgebiet. Im Nährgebiet bleibt der Schnee auch während der warmen Jahreszeit erhalten, so dass er sich durch Temperaturwechsel und Druck im Lauf mehrerer Jahre zu Gletschereis umformt, was in den Alpen etwa zehn Jahre in Anspruch nimmt. Durch das Fließen des Eises gelangt es mit der Zeit in tiefere und für die Sonnenstrahlung exponiertere Regionen, in denen das Gletschereis zu schmelzen beginnt und in Form von Gletscherabflüssen, meist Sturzbächen, talwärts abfließt. Diese Region wird als Zehrgebiet bezeichnet.

Die Größe des Nähr- und Zehrgebietes variiert jedes Jahr in Abhängigkeit der Schneemenge im Winter und des sommerlichen Witterungsverlaufs. Dadurch wird der Gesamthaushalt des Gletschers bestimmt, sprich ob er sich vergrößert oder verkleinert.

Gletscher und Klima

Obwohl Gletscher nur einen geringen Teil der Erdoberfläche ausmachen, ist weitgehend unumstritten, dass sie das lokale wie weltweite sehr stark beeinflussen. Dabei sind zwei physikalische Eigenschaften von Bedeutung:

  • Die Albedo der Erdoberfläche erhöht sich massiv. Das heißt, eintreffendes Sonnenlicht wird zu nahezu 90% zurück gespiegelt, wodurch es seinen wärmenden Energieeintrag in die Biosphäre nicht entfalten kann. Ein einmal ausgedehnter Gletscher hat daher die Tendenz, weiter abzukühlen und durch das über ihm entstehende Hochdruckgebiet in Verbindung mit tiefen Temperaturen sich weiter auszudehnen.
  • Der Gletscher wirkt als Massespeicher. Wasser wird in Form von Eis in den Gletschern gespeichert und so dem Wasserreservoir vorübergehend entzogen. Dadurch werden Wassermassen oberhalb in fester Form gehalten, die sonst weltweit zu einem Ansteigen des Meeresspiegels führen würden. Dies gilt im Besonderen für den polaren Bereich.

Die Wirkung des vermehrten Eintrags von Schmelzwasser auf die Meeresströmungen, insbesondere auf das Golfstromsystem, ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Gletscher als Landschaftsformer

Gletscherneu.jpg|thumb|290px|rechts|Eggishorn, großer Aletschgletscher um 1900 ([[Schweiz|CH,Kanton_Wallis|VS)]] Gletscher sind bedeutende Landschaftsformer; insbesondere während der Eiszeiten wurden viele Gebirge umgeformt und das abgetragene Gestein an anderer Stelle als Moräne|Moränen wieder aufgehäuft. Gletscher stellen auch eine sichere Wasserversorgung vieler Flüsse in der niederschlagsarmen Sommerzeit dar.

In den Polargebieten münden viele Gletscher direkt ins Meer. Das von ihnen abbrechende Eis (Kalben des Gletschers) wird zu Eisbergen. Tafeleisberge haben einen anderen Entstehungsmechanismus.

10 % (15.000.000 Quadratkilometer|km²) der Erdoberfläche werden zurzeit von Gletschereis bedeckt, während der letzten Eiszeit waren es 32 %. In Gletschern wird 75 % des Süßwassers gespeichert. Bei einem Abschmelzen des gesamten Gletschereises würde sich der Meeresspiegel weltweit um 70 m anheben. Das Eis in der Antarktis ist zum Teil über 40 Millionen Jahre alt. Ohne den schweren Eispanzer würden sich Teile der Antarktis aufgrund der Isostasie um bis zu 2.500 Meter anheben. Wird das Eis durch den Eigendruck stark komprimiert, verkleinern sich die Lufteinschlüsse in der . Dadurch werden alle Farben absorbiert, lediglich der blaue Anteil wird Reflexion|reflektiert: das Eis schimmert bläulich. Das letzte markante Gletscherwachstum fand während der „Kleine Eiszeit|kleinen Eiszeit“ statt und endete vor etwa 150 Jahren. Seitdem verkleinert sich die Gletschermasse kontinuierlich, mit einem jedoch stark erhöhten Abschmelzen in den letzten Jahrzehnten.

Die Vorstellung, dass Gletscher die Landschaften dieser Erde wesentlich geformt haben, ist jedoch noch nicht sehr alt: Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hielten die meisten Gelehrten daran fest, dass die Sintflut die Gestalt der Erde prägte.

Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft schrieb jedoch 1817 einen Preis für ein Thesenpapier zu dem Thema aus "Ist es wahr, dass unsere höheren Alpen seit einer Reihe von Jahren verwildern?" Und spezifizierte weiterhin, dass " eine unpartheyische Zusammenstellung mehrjähriger Beobachtungen über das theilweise Vorrücken und Zurücktreten der Glescher in den Querthälern, über das Ansetzen und Verschwinden derselben auf den Höhen; Aufsuchung und Bestimmung der hie und da durch die vorgeschobenen Felstrümmer kenntlichen ehemaligen tiefern Grenzen verschiedener Gletscher" gesucht sei.

Ausgezeichnet wurde 1822 eine Arbeit von Ignaz Venetz, der auf Grund der Verteilung von Findlingen und Moränen schloss, dass einst weite Teile Europas vergletschert waren. Seine These fand jedoch nur Gehör bei Jean de Charpentier, der wiederum 1834 diese These in Luzern vortrug und dem es gelang, Louis Agassiz davon zu überzeugen. Dem rhetorisch begabten Agassiz, der in den nachfolgenden Jahren intensive Studien zur Gletscherkunde betrieb, gelang es schließlich diese Auffassung als allgemeine Lehrmeinung durchzusetzen.

Gletscher der Welt

Der größte Europa | europäische Festlandgletscher ist mit einer Fläche von etwa 500 Quadratkilometer|km² der Jostedalsbreen in Norwegen. Er wird in Europa nur vom Vatnajökull auf der Insel Island übertroffen, der eine Fläche von 8.300 Quadratkilometer|km² bedeckt.

Weitere Rekorde:

  • der Aletschgletscher als der grösste und längste in den Alpen
  • der Glacier des Bossons am Mont Blanc als jener in den Alpen, der am tiefsten ins Tal reicht (ca. 1400m)
  • der Schneeferner an der Zugspitze als größter Gletscher Deutschland|Deutschlands
  • die Pasterze am Großglockner als größter Gletscher Österreich | Österreichs
  • der Bering Gletscher in Alaska mit 204 km² als größter Gletscher Nordamerika|Nordamerikas
  • das Campo de Hielo Sur in Chile als größter Gletscher Südamerika|Südamerikas
  • der Beardmore Gletscher der Antarktis als größter Gletscher der Erde (Planet)|Erde

Der Kutiah Gletscher in Pakistan ist der schnellste Gletscher der Welt. Im Jahr 1953 wurde eine Fließgeschwindigkeit von 12 Kilometern in drei Monaten gemessen, das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 112 Metern pro Tag. Die Fließgeschwindigkeit der Alpengletscher liegt in der Größenordnung von 30 - 150 m pro Jahr, Gletscher im Himalaya fließen mit 500 - 1.500 Meter im Jahr, also 2 bis 4 m am Tag, und in Grönland bewegen sie sich 3 - 10 Kilometer pro Jahr mit circa 10 bis 30 m am Tag. Sowohl der Umfang des Schmelzwasser als auch die Geschwindigkeit des Gletschers variieren im Jahresverlauf mit einem Maximum im jeweiligen Sommer.

Der Äquator|äquatornäheste Gletscher, der ins kalbt, heißt Ventisquero San Rafael, ist Teil des Campo de Hielo Norte und liegt in Chile. Er befindet sich nahe dem 45. südlichen , was projiziert auf die Nordhalbkugel etwa der Lage von Mailand entspräche..

Heute schmelzen viele Gletscher in den Gebirgen aufgrund der . Sie sind ein Indikator für das Langzeitklima.

Literatur

  • Erich Obst, Josef Schmithüsen, Friedrich Wilhelm: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie, Bd.3/3, Schneekunde und Gletscherkunde; Gruyter Verlag; 1974; ISBN 3110049058

Siehe auch

  • Gletscherschmelze - Das durch den Klimawandel verursachte Abschmelzen der Gletscher
  • Glazialmorphologie - Aufbau der Gletscher
  • Gletschermilch - Endmoräne - Mittelmoräne - Gletscherzunge - Gletscherspalte - Bergschrund - Toteis - Nunatak - Glaziale Serie
  • Gletscherforscher: Louis Agassiz
  • Verschiedene Gletscher (siehe :Kategorie:Gletscher|Kategorie Gletscher): Wildspitze - Schneeferner - Malaspinagletscher - Liste der Schweizer Gletscher

Weblinks


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